Der Beginn der AWG

Mit dem Jahr 1954 war ein genossenschaftlicher Wohnungsbau unter proletarischem Vorzeichen ins Leben gerufen worden. Der neue Staat DDR hatte mit der Schaffung rechtlicher Grundlagen für den genossenschaftlichen Arbeiterwohnungsbau - AWG, den Gedanken von Eigenverantwortung und Selbsthilfe aufgegriffen, der sich schon seit der Jahrhundertwende in einer Vielzahl von Wohnungsgenossenschaften manifestiert hatte.

Jetzt sollten volkseigene Betriebe die Initiatoren und Träger des neuen genossenschaftlichen Gedankens sein. Im April 1954 gründete sich im Sachsenwerk Niedersedlitz zunächst eine Betriebs-AWG, die später mit ihrem Namen in vielen Teilen der Stadt vom Dresdner Aufbauwerk künden sollte. Der Anfang lag in Leuben. Gegenüber dem dortigen Rathaus erhielt die Sachsenwerk-AWG Gelände von der Stadt zugeteilt.

18 neue Wohnungen entstehen

Mit dem symbolischen ersten Spatenstich am 8. Juni 1954 für 18 Wohnungen wurde die Lilienthalstraße Dresdens erste AWG-Baustelle. Im Herbst des gleichen Jahres schrieb der AWG-Vorsitzende Karl Rimmelspacher in einem Tätigkeitsbericht:

"Viele Dinge mussten getan werden, die uns völlig neu waren. Da ging es um die Eröffnung eines Bankkontos, das Anlegen einer Mitgliederkartei, den Abschluss von Bauverträgen, die Beratung von bautechnischen Angelegenheiten usw., so dass es des Lernens bis heute kein Ende hat. Eine Anleitung dazu gab es nicht, so haben wir uns mit mancherlei arg herumgeschlagen."

Es nötigt uns heute noch den größten Respekt ab, wenn vor diesem Hintergrund am 27. November 1954 das erste Richtfest gefeiert werden konnte und sich die neue AWG für das kommende Jahr mit 36 Wohnungen das doppelte Bauprogramm vornahm.

1956 - Die ersten bezogenen Wohngebiete

Zum 13. Februar 1956 vermeldete die Betriebszeitung des Sachsenwerkes bereits stolz die nächsten Erfolge mit dem ersten bezogenen Wohngebäude sowie der im Ausbau befindlichen Wohnzeile an der Hertzstraße. An der Lilienthalstraße war schon die nächste AWG-Baugrube zu sehen. Zwischenzeitlich hatten sich Interessen-Akzente verschoben.

Ein weiterer maßgeblicher Trägerbetrieb der Genossenschaft war der VEB Bau (St.) geworden. Über diesen städtischen Baubetrieb, der in Striesen angesiedelt war, erschlossen sich 1958 Möglichkeiten des schnelleren Bauens mit den ersten Vorhaben der aus Trümmersplitt gefertigten Großblöcke.

Typen-Bauten an der Dinglingerstaße in der Johannstadt bildeten unseren Beginn zentrumsnahen Bauens. Hier in Johannstadt-Striesen kamen wir daher in Baunachbarschaft zu anderen AWGen, so auch zu unserer zweiten Ursprungsgenossenschaft. Ihr Gründer Karl-Horst Büttner erinnert sich:

"Ich war Maschineneinsteller im Schreibmaschinenwerk und las in der Zeitung, dass die Wohnungsnot durch "AWG" beseitigt werden soll. Als ich meinen Betriebsdirektor danach befragte, war er dafür, aber darum kümmern sollte sich wer anders. Die Gewerkschaft im Betrieb war hilflos. Ich holte mir daher an verschiedenen anderen Stellen Informationen zu den Gründungsmodalitäten. Schnell merkte ich: wenn das etwas werden soll, dann musst du das selbst in die Hand nehmen."

700 Stunden Eigenleistung beim Bau

Büttner ging aufs Ganze und ließ beim Rat des Bezirkes die AWG "Eiserner Wille" registrieren, obwohl die vorgeschriebene Anzahl von 35 Mitgliedern mit unterzeichneter Beitrittserklärung noch nicht erreicht war. Die Beitrittserklärung zu unterschreiben bedeutete damals die Zustimmung zum Finanzierungsbetrag von 2.500 Mark und die Bereitschaft zur Ableistung von rund 700 Stunden in Eigenleistung beim Bau. Bei Büttner war der Wille dafür vorhanden, und die anderen riss er mit. Vom Direktor seines Betriebes bekam er nun auch viel Unterstützung. Bald waren an der Lipsiusstraße, Henzestraße, Comeniusstraße und Dinglingerstaße die ersten Häuser gebaut, nachdem dort zunächst der Baugrund zu enttrümmern war. Vor einigen Wochen schrieb uns Genossenschafterin Hildegard Koch:

"Damals war es ein großes Glück und ein Geschenk des Himmels, dass ich im November 1958 eine Wohnung auf der Lipsiusstraße 3 bekam. 39 schöne Jahre haben wir dort gewohnt. Meine Erinnerungen an die Anfangsjahre sind sehr schön. Waren wir doch alles Kollegen aus dem Schreib- und Nähmaschinenwerk. Wir waren alle jung und nach einiger Zeit waren es 20 Kinder im Haus."

Ständige Anfangsnot auf dem Bau

Im äußersten Osten der Stadt hatte sich 1956 die AWG Sächsischer Brücken- und Stahlhochbau gegründet. An die Entstehungsgeschichte dieser weiteren Ursprungs-AWG von uns und die ständige Anfangsnot auf dem Bau, soll eine kleine Bau-Episode erinnern. Sie verdeutlicht zugleich das besondere Engagement des Trägerbetriebes. Der damalige stellvertretende Werkstättenleiter des VEB SBS Heinz Leuchte beschreibt das Entstehen des AWG-Hauses Schweizstraße 4 - 6 in Kleinzschachwitz u.a. so:

"Als der Baubetrieb die Fundamente fertiggestellt hatte, fehlten die Fertigteil-Kellerfenster, die damals bereits zum Einsatz kamen. Der Bau kam ins Stocken. Als wir bei der zuständigen Firma Löser in Dresden vorsprachen, stellt sich heraus, dass die Firma keinen Stahl für die Bewehrung mehr hatte. Unser Betrieb hatte zu dieser Zeit auch keine Möglichkeit solche Bewehrungsstähle zu beschaffen. Da das Baugeschehen alle Kollegen des Betriebes erfasst hatte, wurden wir auf ein Bündel Stahldraht aufmerksam gemacht, das auf dem Lager der Montageabteilung schon seit dem Kriege lagerte. Der Rostklumpen schien aber nicht mehr verwendungsfähig.

Da machte unser Werkzeugschmied den Vorschlag, den Bund auf einen Bahnmeister zu laden, das eine Ende am Prellbock anzubinden und das andere mit dem Dieselkran zu recken. Das waren für uns Aufzugsbauer spanische Dörfer, aber es gelang. Nach einem Rostfeuerwerk war der Bund auf einer Länge von etwa hundert Meter zwar zwei Millimeter dünner, aber außer den verbliebenen Rostnarben stahlblau geworden. Der Bau konnte weitergehen, wieder hatten wir einen Engpass überwunden."